Datensouveränität: Wie Unternehmen die Kontrolle über ihre wertvollste Ressource behalten

Daten sind der Treibstoff der digitalen Wirtschaft, doch über 80 Prozent der deutschen Unternehmen fühlen sich von außereuropäischen Tech-Anbietern abhängig. Ein strategisches Risiko, das sich durch geopolitische Verwerfungen und verschärfte EU-Regulierungen verschärft.

Was lange als politische Floskel abgetan wurde, ist heute harte Geschäftsrealität: Datensouveränität entscheidet über den Erfolg oder Misserfolg der digitalen Transformation. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft identifiziert drei Kernbereiche, in denen Unternehmen Handlungsfreiheit zurückgewinnen müssen:

Dabei geht es nicht um digitale Isolation, denn kein Unternehmen kann oder sollte alles selbst entwickeln. Im Mittelpunkt steht die Fähigkeit, klar zu definieren, wer unter welchen Voraussetzungen Zugang zu welchen Daten erhält – und dies bei Bedarf flexibel zu ändern.

Während die EU mit neuen Regulierungen wie dem Data Act klare Spielregeln schafft, eskalieren die technologischen Spannungen zwischen Ost und West. Gleichzeitig explodieren die Schadenssummen durch Cyberangriffe, während sich der Cloud-Markt in den Händen weniger US-Giganten konzentriert. Die Zahlen des Bundeswirtschaftsministeriums sprechen Klartext: Über 80 Prozent der deutschen Firmen hängen in mindestens einem kritischen Technologiebereich am Tropf nicht-europäischer Anbieter – eine Abhängigkeit, die viele Vorstände erst beim nächsten Preisanstieg oder Datenleck richtig begreifen.

Unternehmensstrategie: Datensouveränität stärkt die Wettbewerbsfähigkeit

Vom Randthema zum Topfaktor im Boardroom: 84 Prozent der Unternehmen bewerten Datensouveränität mittlerweile als wichtiges Thema in ihrer Strategie. Die BARC-Analysten haben die Zahlen schwarz auf weiß: Für sieben von zehn Firmen hat die Relevanz des Themas in den vergangenen ein bis zwei Jahren zugenommen – und das aus gutem Grund. Vier massive Treiber zwingen zum Handeln:

  1. Regulatorischer Druck: Brüssel macht Ernst. Mit dem Data Act und der verschärften NIS-2-Richtlinie müssen Unternehmen jeden Datenfluss lückenlos dokumentieren. Die „Wir schauen mal“-Zeiten sind vorbei. Wer bei Datenverarbeitung und -schutz patzt, zahlt Bußgelder in Millionenhöhe.
  2. Geopolitische Unsicherheit: Der transatlantische Datenverkehr steht auf wackligen Beinen. US-Behörden beanspruchen per CLOUD Act Zugriff auf alle Daten amerikanischer Tech-Konzerne – egal ob sie in Frankfurt oder Dublin gespeichert sind. Mit dem Aus für den Privacy Shield fehlt die rechtliche Grundlage für EU-US-Datentransfers. Immer mehr Unternehmen ziehen die Konsequenz: Kritische Daten bleiben besser auf europäischen Servern.
  3. Cybersicherheitsrisiken: Der SolarWinds-Hack im Jahr 2020 war ein Weckruf. Über manipulierte Software-Updates drangen Angreifer monatelang unbemerkt in Tausende von Hochsicherheitsnetzen ein – bis in US-Ministerien. Wer seine IT-Kontrolle auslagert, schafft potenzielle Angriffspunkte. Ein einziges kompromittiertes System kann die Existenz der gesamten Organisation gefährden.
  4. Vendor-Lock-in: Die Cloud-Giganten haben das Geschäftsmodell der Druckerhersteller perfektioniert. Das Einstiegsangebot lockt mit niedrigen Preisen, dann folgt die teure Abhängigkeitsfalle. AWS, Azure und Google schnüren die Schlinge schrittweise enger: Erst machen proprietäre APIs und Services die Migration teuer, dann sorgen versteckte Kosten und komplexe Abhängigkeiten dafür, dass ein Ausstieg praktisch unmöglich wird.

Diese vier Faktoren haben die Datensouveränität vom Randthema zur Überlebensstrategie gemacht. Unternehmen, die sich nicht aktiv mit der Kontrolle ihrer Daten beschäftigen, riskieren nicht nur regulatorische Strafen, sondern verlieren langfristig ihre strategische Handlungsfähigkeit. Wer dagegen frühzeitig die richtigen Weichen stellt, kann die Herausforderungen in einen echten Wettbewerbsvorteil umwandeln.

Rechtsrahmen: EU-Gesetze gestalten die Datenökonomie neu

Der EU Data Act, den eine Studie des Öko-Instituts analysiert, stellt eine wichtige Entwicklung dar: Erstmals erhalten Nutzer vernetzter Produkte gesetzlich verbriefte Rechte an „ihren“ Daten. Bislang sackte der Hersteller eines Smart-Traktors oder einer Industriemaschine sämtliche Nutzungsdaten exklusiv ein. Künftig dürfen Landwirte und Fabrikbesitzer auf die Daten ihrer eigenen Geräte zugreifen – für Reparaturen bei unabhängigen Werkstätten oder zur Optimierung ihrer Betriebsabläufe. Ein Frontalangriff auf das lukrative After-Sales-Geschäft vieler Hersteller.

Flankierend dazu ebnet der Data Governance Act den Weg für neue Datenmittler. Neutrale Treuhänder und „datenaltruistische Organisationen“ sollen den Datenaustausch fair und sicher gestalten. Anstelle einer direkten Datenübertragung zwischen Unternehmen entstehen regulierte Zwischeninstanzen, die den Zugriff nach transparenten Regeln kontrollieren. Doch nicht alle sind überzeugt.

Der Technikethiker Christian Wadephul wirft zum Beispiel kritische Fragen auf, etwa wie sich die Souveränität der Datengeber wahren und die informationelle Selbstbestimmung zwischen kommerziellen und gemeinwohlorientierten Interessen sichern lässt. Werden Datenintermediäre tatsächlich neutral agieren – oder selbst zu mächtigen Datenkonzentratoren? Der Zielkonflikt zwischen wirtschaftlicher Verwertung und Grundrechtsschutz bleibt trotz Regulierung bestehen.

Cloud-Strategie: Hybride Modelle schaffen die nötige Flexibilität

Die Cloud-Entscheidung konfrontiert Unternehmen mit einem klassischen Zielkonflikt: maximale Performance, volle Kontrolle oder niedrige Kosten? Nur zwei davon sind realistisch. Eigene Rechenzentren fressen Ressourcen und bremsen die Agilität, während der komplette Umzug in die Public Cloud einem digitalen Kontrollverlust gleichkommt. Die Lösung liegt nicht im Entweder-oder, sondern im strategischen Sowohl-als-auch.

Die Versicherungswirtschaft hat die Zeichen der Zeit erkannt. Eine GDV-Analyse zeigt vier Wege aus der Abhängigkeitsfalle:

Kluge CIOs setzen auf Diversifikation. Die BARC-Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: 51 Prozent der Unternehmen bauen hybride Cloud-Architekturen auf, 36 Prozent integrieren gezielt europäische Anbieter. Die Multi-Cloud setzt sich durch – verschiedene Dienste für verschiedene Workloads, strategisch verteilt nach Sensibilität und Geschäftskritikalität. Das Motto lautet: Nie wieder alle Daten einem einzelnen Anbieter anvertrauen.

Analyst in Hightech-Kontrollraum überwacht globale Datenströme auf gebogenem Display. Weltkarte zeigt blaue Netzwerklinien und rote Warnsymbole für kritische Datenpunkte.
Globale Datenkontrolle: Echtzeitanalyse und strategisches Management digitaler Ressourcen als Schlüssel zur digitalen Souveränität. (Bild: Google Gemini/stk)

Data Governance: Klare Regeln sichern die Datenhoheit

Das Fraunhofer IESE formuliert unmissverständlich, dass Datensouveränität mit lückenloser Transparenz beginnt. Jedes Unternehmen muss zu jeder Zeit wissen, wo seine Daten gespeichert sind, wer auf sie zugreift und zu welchem Zweck. Was selbstverständlich klingt, entpuppt sich in verzweigten Partnernetzwerken mit Dutzenden Dienstleistern und Hunderten Schnittstellen als organisatorischer Kraftakt.

Die Durchsetzung klarer Regeln erfordert robuste technische Maßnahmen. Data Usage Control greift direkt auf Datenebene ein – entweder präventiv durch Verhinderung unerlaubter Weitergabe oder reaktiv durch forensisch verwertbare Protokollierung. Drei Kernmaßnahmen haben sich in der Praxis bewährt:

Diese drei Techniken bilden das Rückgrat jeder ernsthaften Datensouveränitätsstrategie. Wer hier spart, zahlt später drauf. Mit der richtigen Implementierung schaffen diese Maßnahmen Transparenz und Kontrolle – selbst über Unternehmensgrenzen hinweg.

Handlungsempfehlungen: Ein Fahrplan sichert den Unternehmenserfolg

Datensouveränität benötigt mehr als nur gute Absichten – sie erfordert ein systematisches Vorgehen. Mit diesem Drei-Stufen-Plan gewinnen Organisationen die Kontrolle über ihre wertvollsten Ressourcen zurück:

  1. Bestandsaufnahme und Risikobewertung: Durchleuchten Sie Ihre digitale Infrastruktur schonungslos. Wo liegen Ihre kritischen Daten? Welche Anwendungen verarbeiten sie? Welche vertraglichen Abhängigkeiten bestehen? Das GDV-Rahmenwerk liefert die nötige Struktur für diese Bestandsaufnahme. Besonders wichtig: Identifizieren Sie Bereiche, in denen ein Anbieterwechsel besonders teuer oder riskant wäre.
  2. Strategie und Architektur definieren: Entwickeln Sie auf Basis Ihrer Risikoanalyse eine maßgeschneiderte Cloud-Strategie. Hybridmodell, Multi-Cloud oder On-Premises – die GDV-Studie bietet einen praxisnahen Entscheidungsbaum. Prüfen Sie systematisch, welche Lösung Ihre Kernkriterien am besten erfüllt: Schutz vor Fremdzugriffen, geografische Datenkontrolle und Betriebsfähigkeit auch bei globalen Störungen.
  3. Kompetenzen und Kultur fördern: Investieren Sie in Ihre wichtigste Ressource – Menschen mit Fachwissen. Die BARC-Analysten haben die größten Hürden identifiziert: mangelnde Ressourcen (45 %) und fehlendes Know-how (39 %). Bauen Sie gezielt internes Wissen für Cloud-Management, Cybersecurity und Data Governance auf. Verankern Sie Datensouveränität als strategischen Wert in der Unternehmenskultur – vom Vorstand bis zum Praktikanten.

Datensouveränität ist ein kontinuierlicher Prozess. Ihre erfolgreiche Umsetzung erfordert laufende Anpassungen und strategische Weiterentwicklungen – zwischen maximaler Kontrolle, vertretbaren Kosten und notwendiger Innovationskraft. Das Ziel: die bewusste Steuerung unvermeidbarer Abhängigkeiten.

Fazit: Datensouveränität als strategische Daueraufgabe

Die Vorstellung, man könne einmal investieren und hätte dann für Jahre Ruhe, ist gefährlich naiv. Echte Datensouveränität bedeutet, ständig zwischen drei Schlüsselfaktoren abzuwägen: maximale Kontrolle über die eigenen Daten, wirtschaftlich vertretbare Kosten und ausreichende Innovationskraft im globalen Wettbewerb. Vollständige digitale Autarkie bleibt zwar unerreichbar, doch die strategische Steuerung der unvermeidbaren Abhängigkeiten wird zur Überlebensfrage.

Mit GAIA-X und anderen Projekten setzt Europa ein klares Signal gegen die Marktdominanz amerikanischer und chinesischer Tech-Giganten. Trotz anfänglicher Hürden entsteht hier ein europäisches Ökosystem, das Datensouveränität in seiner DNA trägt. Die Botschaft für Unternehmen ist eindeutig: Wer die Kontrolle über seine Daten aus der Hand gibt, wird zum Spielball fremder Interessen und Geschäftsmodelle. Die digitale Transformation – von KI über IoT bis zu datengetriebenen Geschäftsmodellen – kann nur dann nachhaltig gelingen, wenn sie auf dem soliden Fundament digitaler Selbstbestimmung steht.

Autor: Stefan Kuhn